Laudatio für O-Sensei Heinz Strauß anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Shi-Ko-Kai e.V.
Lieber O-Sensei Heinz, liebe Angelika, liebe Sensei
Anderl, Michael, und Helmut, liebe Mitglieder,
Freunde und Gäste, der Shi-Ko-Kai e.V. feierte sein
20-jähriges Bestehen!
Historisch betrachtet sind diese 20 Jahre nicht gan
z korrekt. Denn den Ur-Shi-Ko-Kai gründete
Heinz Strauß 1967 zusammen mit einigen seiner damal
igen Schüler. Am Ende der Siebziger und in
der ersten Hälfte der Achtziger Jahre ruhte dieser
Shi-Ko-Kai als eingetragener Verein. Trotzdem
gab es ein reges Vereinsleben, mit Prüfungen, Dojo-
Zeitungen und Festen. 1985 bekam der Shi-Ko-
Kai mit Heinz als Ehrenpräsidenten wieder sein „e.V
.“
All diese Epochen, einschließlich der des heutigen
Shi-Ko-Kai e.V., sind untrennbar verbunden mit
einem Mann, der wie kein anderer entscheidend nicht
nur den Verein, sondern vor allem das Karate-
Do und die Meister unseres Vereins geprägt hat. Die
ser Mann ist unser Großmeister, O-Sensei Dr.
Heinz Strauß.
Ich erlaube mir, Heinz’ Werdegang in der Laudatio a
ufzuzeigen, wie er ihn mir in einem Gespräch
mitteilte.
Heinz begann im Alter von 8 Jahren mit Judo. Er tra
inierte im TSV Großhadern und wurde von
Sensei Robert Roth unterrichtet, dem Lehrer des Sil
bermedaillen-Gewinners in Tokio, Sensei
Decker.
Zum Karate-Do kam Heinz im Alter von 17 Jahren über
die Karate-Bücher von Jürgen Seidel, die
eines Tages im Judo-Dojo auslagen. Es waren die ers
ten deutschsprachigen Bücher, noch mit
Zeichnungen versehen statt mit Photos. Karate-Do wa
r damals in Deutschland eben noch fast
unbekannt. Diese Bücher weckten sein Interesse. Hei
nz begann, das Karate-Do autodidaktisch zu
erlernen. Mit Sensei Jürgen Seidel, dem ersten deut
schen Karate-Danträger, der auch den Deutschen
Karate-Bund aufbaute, verband ihn später eine gute
Freundschaft.
O-Sensei Heinz gründete 1967 – er hatte damals den
orangen Gürtel und war damit der ranghöchste
deutsche Karateka Münchens – den ersten Münchner Ka
rate-Club innerhalb des Deutschen Karate-
Bundes. Anfangs kannte man nur die ersten beiden Ka
tas, Heian Shodan und Nidan. Das bedeutete
für seine Schüler, dass die relativ wenigen Technik
en aus den beiden Katas sehr intensiv trainiert
wurden, und es blieb im Training viel Zeit für Kond
itions- und Schnelligkeitstraining. Ich finde es
faszinierend, dass Heinz mit nur zwei Katas und ein
em guten und fordernden Training bis zu
Hundert Schüler anzog. Frühere Schüler erzählten ge
rn, wie sie im Entengang durch das
Schulgebäude vier Stockwerke rauf und wieder runter
watschelten, oder 100 Liegestützen zu
absolvieren hatten. Zu den Gürtelprüfungen zum Gelb
– und Orangegurt musste man damals bis
nach Bad Homburg fahren.
Auf seinem Weg zur Meisterschaft suchte Heinz die B
egegnung mit einer Reihe von Budo-
Großmeistern, und viele tauschten ihr Können und Wi
ssen mit ihm aus: Kwon Chae Ha aus dem
Taekwon-Do, General Choi Hong Hi, dem Begründer des
modernen Taekwon-Do, der Heinz den 1.
Dan Taekwon-Do verlieh, Sensei Hisatake, Kyokushink
ai, der verstorbene Ehemann von Sensei
Gudrun Hisatake, die einigen unter uns ein Begriff
ist, Sensei Vandergroen, Kun-Tao-Kai,
Großmeister Kim, Taekwon-Do, und Bernd Zimmermann,
der später das erste Karate-Dojo in Wien
leitete und der intensiv mit Bruce Lee trainiert ha
tte.
Und bei einem gemeinsamen Essen erzählte Sensei Nak
ayama einmal Heinz vom Wesen des
Karate-Do
All diese Begegnungen beeinflussten sein Karate. Do
ch es blieb nicht dabei. Er entwickelte einen
eigenständigen Karate-Stil. Ich schätze, dass Heinz
sein Wissen immer sofort weiter gegeben hat
und gibt. Mein Bestreben und das der anderen Meiste
r-Schüler ist, diese Form der Entwicklung
weiter zu führen.
Zurück zu seiner Geschichte. Als die Prüfung zum 1.
Dan an stand, stellte sich die Frage, bei wem
Heinz diese ablegen sollte. Er bekam eine Empfehlun
g für Sensei Bluming, der damals ein
weltbekanntes Dojo in Amsterdam leitete, um dort di
e Prüfung abzulegen. Er reiste nach
Amsterdam, aber der Kontakt mit Sensei Bluming gest
altete sich sehr schwierig. Heinz musste
nacheinander erst gegen alle anderen Braungurte die
ses Dojos und anschließend gegen Sensei
Bluming kämpfen. Er erzählte mir einmal, dass er be
i diesem letzten Kampf so erschöpft war, dass
er aus lauter Verzweiflung Sensei Bluming mit einem
Ushiro-Tobi-Geri, einem gesprungenen
Rückwärts-Fußtritt, angriff und dann auch noch an d
er Brust traf, allerdings ohne noch größere
Wirkung erzielen zu können. Das hatte diesen so erb
ost, dass er den Gast aus München wenig
zuvorkommend behandelte.
Auf dem Rückweg begegnete Heinz in Hamburg Herrn Rü
ckel, einem vereidigten Dolmetscher für
Japanisch. Im Verlauf des Gesprächs bot Herr Rückel
Heinz an, ihn mit Roshi Kawashima bekannt
zu machen, der zu dieser Zeit ebenfalls in Hamburg
war. Roshi Kawashima war Zen-Meister und
Karate-Meister. Dieser erklärte sich nach nur einem
Treffen dazu bereit, Heinz die Dan-Prüfung
abzunehmen. Im Rahmen dieser Prüfung verlieh Roshi
Kawashima ihm überraschend den 3. Dan
Karate-Do und den Titel „O-Sensei“. Mit dieser Verl
eihung einher ging die Berechtigung, eine
eigene Schule zu gründen und jeden Kyu- oder Dan-Gr
ad zu verleihen. Als Heinz mir zum ersten
Mal von dieser Prüfung und der einzigartigen Gradui
erung erzählte, war ich überwältigt und auch
stolz auf „meinen“ Sensei. Die schriftliche Berecht
igung wurde Heinz später aus Japan per Post
zugestellt. Als er den „Brief“ vom Zollamt abholen
wollte, stand er vor einem riesigen Paket mit
einem manns-hohen massiven dicken Eichen-Brett, auf
dem mit japanischen Zeichen Roshi
Kawashimas und Heinz‘ Name, die Verleihung des 3. D
an und die erwähnte Berechtigung vermerkt
war. Das Nachhause-Bringen dieser ca. 20 kg schwere
n „Urkunde“ war eine weitere Prüfung, die
Heinz schwitzend, wie er mir mitteilte, aber erfolg
reich bewältigte.
O-Sensei Heinz Strauß hat auch in anderen Kampfkün
sten Dan-Grade: Im Judo, im Aikido und im
Taekwon-Do. Er hat Tai-Chi-Chuan und Kung-Fu gelern
t und gelehrt. In den 90-er Jahren, als er
seine aktive Laufbahn eigentlich schon beendet hatt
e, erhielt er überraschend eine Einladung von
der Hongkong Kung-Fu-Federation. Die Begegnung ende
te freundschaftlich und war von
wechselseitigem Respekt geprägt.
Ende der Sechziger Jahre implementierte Heinz das K
arate-Do als pädagogisches Lehrfach an der
Kath. Stiftungs-Fachhochschule. Damit verband er Ka
mpfkünste mit einer psychosozialen
Ausbildung und zeigte, dass beide sich wechselseiti
g befruchten können. Ich bin selbst Psychologe
und habe in meinem Beruf oft vom Karate-Do profitie
rt, deshalb schätze ich diese Verbindung sehr.
Und somit konnten viele Jahre lang angehende Sozial
pädagogInnen und ErzieherInnen Judo und
Karate-Do lernen und darin Prüfungen ablegen. Manch
e unter uns kamen genau auf diesem Weg
zum Karate-Do oder Judo und darüber zum Shi-Ko-Kai
e.V.
In den achtziger Jahren zog sich O-Sensei Heinz all
mählich zurück. Als ich ihn einmal nach dem
Grund für seine Entscheidung, sich vom aktiven Kara
te-Do zu verabschieden, fragte, sagte er mir,
er wollte den jüngeren Meistern Platz geben. Er übe
rgab die Leitung des Hochschul-Zentral-Dojos
seinen langjährigen Meister-Schülern Anderl Wenger,
der seit 1975 sein Schüler war, Michael
Schwarz sen., der 1970 bei ihm zu lernen begonnen h
atte, und Jan Schmitz, der 1973 dazu kam. Ich
war und bin heute noch glücklich, dass Heinz bereit
war, sechs seiner langjährigen Schülerinnen
und Schüler, zu denen auch ich gehörte – alle späte
re Gründungsmitglieder des Shi-Ko-Kai e.V. –
zur Prüfung zum 1. Dan zu führen.
Als er einige Jahre später das aktive Training und
Lehren noch einmal aufnahm, tat er dies neben
dem Lehren von Karate-Do mit einer neuen, von ihm
entwickelten Kampfkunst, dem Mu-Do. Ich
ergriff natürlich sofort die Chance, bei ihm Mu-Do
zu lernen.
Für mich war, ist und bleibt O-Sensei Heinz Strauß
die geistige Instanz des Shi-Ko-Kai. Er hat sich
endgültig aus dem aktiven Training zurückgezogen, v
erfolgt aber mit Interesse und Verbundenheit
unsere Entwicklung. Die Prüfungsberechtigung für Da
n-Graduierungen hat er genau festgelegt und
einigen seiner Schüler übertragen.
O-Sensei Heinz Strauß hat nicht nur im Karate-Do ei
nen eigenen Stil entwickelt hat, sondern auch
in der Psychotherapie eine eigene Schule gegründet.
Das Lehr- und Forschungsinstitut für
Systemische Studien hat inzwischen internationale A
nerkennung erfahren. Heinz hat Lehraufträge
in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz. E
inige der Meister und SchülerInnen des Shi-Ko-
Kai wurden von ihm zu SystemtherapeutInnen ausgebil
det.
Für mich war und ist Heinz ein ausgezeichneter Lehr
er, ein hilfreicher Unterstützer bei der
Entwicklung der eigenen Fähigkeiten, und ein begnad
eter Vermittler von Fertigkeiten. Welche
Qualitäten der Unterricht des O-Sensei hatte, darüb
er sind sich alle Befragten einig, wie in der
Festschrift nachzulesen ist. Bei aller Unterschiedl
ichkeit der Erfahrungen zieht sich eine Qualität
durch: Die Freiheit des Lernenden, seinen eigenen W
eg erleben und gehen zu dürfen. Heinz holt
seine Schüler da ab, wo sie stehen, und eröffnet ih
nen die Räume für ihre ureigene Entwicklung.
Lernen von Heinz bedeutet für mich auch, mit ihm in
Kontakt gehen zu dürfen. Meine Erfahrung
ist, dass die Begegnungen mit Heinz für mich immer
bereichernd waren. Beim letzten großen
Dantreffen, das bei O-Sensei Heinz stattfand, war e
s gerade seiner Offenheit und seiner
Bereitschaft, mit uns Dan-Trägern in Kontakt zu geh
en, zu verdanken, dass eine Reihe von
Irritationen und strittigen Fragen ausgeräumt wurde
n und die Atmosphäre im Dan-Kollegium sich
deutlich verbesserte.
Und Heinz ist und war immer bereit, sein Wissen mit
anderen zu teilen, was ich sehr schätze. Ich
bin über viele Jahre hinweg fast jeden Donnerstag i
m HZD zu ihm in den Geräteraum gegangen, wo
er während der Gymnastik trainierte, und habe ihn g
ebeten, „mir etwas zu zeigen“. Und sehr oft ließ
er mich an seinem Wissen teilhaben. Und das war nie
nur auf das reine Karate bezogen.
Bioenergetik, Atemtechniken, die exakte Ausführung
der Seidenweber-Übungen, die innere
Bedeutung des Karate-Do, all das gab er mir zu schm
ecken und zu erleben.
Seine Prüfungen sind ernsthaft und unkonventionell
zugleich. Wenn jemand Gürtelprüfung machen
wollte, konnte es sein, dass Heinz sich eine Techni
k zeigen ließ, um dann zu sagen: „Beim nächsten
Mal kommst du mit dem nächsthöheren Gürtel!“. Es ko
nnte aber auch passieren, dass er während
einer Prüfung den Prüfling zu sich rief und ihn dam
it konfrontierte: „Deine Kata waren so
unachtsam ausgeführt, dass du durchgefallen bist.“
Dies passierte mir bei meiner Prüfung zum 1.
Dan, als ich in der vorauseilenden Vermutung, eh be
standen zu haben, die Heian-Katas zu
nachlässig ausführte. Ich wurde vor die Wahl gestel
lt, entweder die Katas zu wiederholen, oder zu
versuchen, die Scharte durch mein Kumite auszuwetze
n.
Zu Beginn der Laudatio habe ich alle wichtigen Lehr
er und Mentoren von O-Sensei Heinz Strauß
genannt. Das ist Euch sicherlich aufgefallen. Für m
ich ist es ein Ausdruck dessen, was Heinz mir
einmal sagte und was für mich große Bedeutung hat:
„Es ist wichtig, die eigenen Wurzeln wert zu
schätzen, denn nur dann kann man erkennen, was man
selbst aus der Basis seiner Wurzeln heraus
neu oder weiter entwickelt hat. Wenn man seine Wurz
eln verleugnet, dann schneidet man sich von
seiner eigenen Entwicklung ab.“ In diesem Sinne ver
stehe ich den Begriff „Kai“ im Namen unseres
Vereins: Tradition, die wir weiter entwickeln und i
nnerhalb derer wir uns weiter entwickeln.
Denn wie schon Funakoshi Gichin, der Begründer des
modernen Karate-Do sagte:
„Ziel des Karate-Do ist weder Sieg noch Niederlage,
sondern die Entwicklung des eigenen
Charakters.“